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Identität

Die Werte, für die du einstehst

Klarheit über deine Werte entsteht nicht durch eine Liste an der Wand. Sie zeigt sich darin, welche zwei oder drei Grundsätze du auch dann verteidigst, wenn sie dich etwas kosten. Wie du diese Werte erkennst und im Alltag nach ihnen handelst.

In diesem Artikel

Klarheit über deine Werte zeigt sich im Unterschied zwischen dem, was du aufzählst, und dem, wofür du einstehst. Ehrlichkeit, Familie und Entwicklung sind leicht gesagt. Welche Grundsätze behältst du, wenn es unbequem wird? Du erkennst sie besonders deutlich an Entscheidungen, bei denen du für sie etwas aufgibst.

Viele Menschen besitzen eine Liste schöner Werte. Ob sie danach leben, ist eine andere Frage.

Eine Liste schreibst du in einem Workshop. Deine Werte zeigen sich an dem Tag, an dem die Liste geprüft wird.

Zwischen beidem liegt dein tatsächliches Verhalten. Klarheit über deine Werte hilft dir, diese Lücke zu sehen und kleiner zu machen.

Was bedeutet Klarheit über deine Werte?

Du kannst zwei oder drei Grundsätze benennen, für die du auch unter persönlichen Kosten einstehst. Sie sollen dein Verhalten prägen, unabhängig davon, ob jemand zuschaut. Es geht nicht nur um Werte, die du bewunderst oder die in einer Kurzbiografie gut klingen. Es geht um Grundsätze, die in deinen Entscheidungen bereits Spuren hinterlassen.

Brené Brown hat in Dare to Lead (2018) eine Übung darum aufgebaut. Sie gibt Menschen eine Liste von Werten und fordert sie auf, die Auswahl einzugrenzen. Viele möchten zehn bis fünfzehn behalten. Sie lässt sie auf zwei kürzen. Der schwierige Teil ist die bewusste Entscheidung. Brown schreibt, hier aus dem Englischen übersetzt: „Wir können keine Werte leben, die wir nicht benennen können.“ Eine unscharfe Liste macht es leichter, der Wahl auszuweichen.

Wenige klare Werte können viele kleine Entscheidungen vorwegnehmen. Bei fünfzehn gleich wichtigen Begriffen stehen in einer schwierigen Situation oft mehrere gegeneinander. Dann ist es verführerisch, gerade denjenigen hervorzuheben, der ohnehin zum eigenen Wunsch passt. Zwei oder drei Prioritäten machen diesen Ausweg sichtbarer. Sie lösen nicht jedes Dilemma, geben dir aber einen Ausgangspunkt. Dazu passt die Frage: Zu wem wirst du?

Warum halten ausgesprochene Werte unter Druck oft nicht stand?

Ein Wert klingt leicht, solange er dich nichts kostet. Ehrlichkeit verlangt wenig, wenn die Wahrheit keine Nachteile bringt. Loyalität fällt leichter, wenn sie bequem ist. Unter Druck zeigt sich, ob ein ausgesprochener Grundsatz auch dein Handeln trägt. Du erfährst, wo du bereits verlässlich bist und wo Wunsch und Wirklichkeit auseinanderliegen.

An einem ruhigen Tag können ein dargestellter Wert und ein gelebter Wert gleich aussehen. Der Unterschied wird deutlicher, wenn Geld, Ansehen oder Bequemlichkeit auf dem Spiel stehen. Werte unter Druck zu betrachten ist deshalb eine brauchbare Prüfung. Du musst dafür keine Krise erzeugen. Es genügt, ehrlich auf die Situationen zu schauen, in denen du dich ohnehin entscheiden musstest.

Eine Person wählt die Grundsätze aus, für die sie auch unter Druck einstehen möchte

Brown beschreibt, dass in ihren Übungen regelmäßig jemand nach beruflichen oder privaten Werten fragt. Ihre Antwort lautet, aus dem Englischen übersetzt: „Wir haben nur einen Satz von Werten. Wir verändern unsere Werte nicht je nach Kontext.“ Der Gedanke fordert dazu auf, die gleiche Ehrlichkeit in Arbeit und Privatleben ernst zu nehmen. Unterschiedliche Rollen schaffen unterschiedliche Aufgaben; sie sollten aber keine bequeme Ausrede für beliebige Maßstäbe werden. Dazu: Die Prüfung hört nicht auf.

Wie findest du die Werte, für die du tatsächlich einstehst?

Schau nicht nur darauf, was dir gefällt, sondern auch darauf, was du schon geschützt hast. Wann hast du etwas verloren und die Entscheidung trotzdem nicht bereut? Vielleicht hast du ein Geschäft abgelehnt, eine Freundschaft beendet oder eine Grenze nicht überschritten. Welcher Grundsatz war dir in diesem Moment wichtiger als der Vorteil?

Wenn du persönliche Werte finden willst, beginne mit einer Liste, aber höre dort nicht auf. Schreibe alles auf, was nach dir klingt. Frage dann bei jedem Begriff: Habe ich dafür bereits etwas in Kauf genommen? Fehlt dir ein Beispiel, ist es möglicherweise zunächst ein Anspruch, den du künftig verwirklichen möchtest. Das macht ihn nicht wertlos; es unterscheidet ihn von einem Wert, den du bereits sichtbar gelebt hast. Kürze die Liste, bis zwei oder drei klare Prioritäten übrigbleiben.

Milton Rokeach machte das Ordnen von Werten zum Bestandteil seines Ansatzes in The Nature of Human Values (1973). Der Rokeach Value Survey lässt Menschen 18 Zielwerte und 18 instrumentelle Werte nach ihrer Bedeutung als persönliche Lebensgrundsätze einordnen. Du kannst dabei nicht alles auf Platz eins setzen. Diese Entscheidung ist der nützliche Teil. Das Verfahren wurde später in vielen Studien verwendet. Auch ein täglicher Rückblick kann dir zeigen, ob deine Rangfolge in deinem Verhalten erkennbar wird.

Sind Werte dasselbe wie Ziele?

Nein. Ein Ziel hat einen erreichbaren Endpunkt. Ein Wert gibt eine Richtung vor, die du immer wieder wählen kannst. „Befördert werden“ ist ein Ziel. „Ehrlich arbeiten“ ist ein Wert. Du kannst Ziele erreichen und dabei Werte verletzen. Ebenso kannst du ein Ziel verfehlen und trotzdem nach deinen Grundsätzen gehandelt haben.

Steven Hayes stellt diese Unterscheidung in der Acceptance and Commitment Therapy, kurz ACT, heraus. Werte sind dort gewählte Lebensrichtungen, keine Orte, an denen du irgendwann ankommst. Ehrlichkeit erreichst du nicht so, wie du ein bestimmtes Gehalt erreichst. Du entscheidest dich heute Morgen dafür, in diesem Gespräch und später noch einmal. Nach eigenen Werten zu leben ist eine wiederholte Tätigkeit, kein irgendwann abgeschlossenes Projekt.

Dieser Unterschied kann erklären, weshalb ein erreichtes Ziel sich manchmal leer anfühlt. Die messbare Aufgabe ist erledigt, aber die Richtung dahinter bleibt unklar. Werte können dir auch dann Orientierung geben, wenn gerade kein nächster Meilenstein feststeht. Wer weiß, was er aufbauen möchte und auf welche Weise, braucht nicht für jeden Schritt eine neue Belohnung. Dazu: Was baust du auf?

Was kostet es, für deine Werte einzustehen?

Manchmal kostet es dich die bequemere Möglichkeit: ein schnelles Ja, eine reibungslose Beziehung, den leichteren Verdienst. Nicht jede wertvolle Entscheidung muss schmerzhaft sein. Aber wenn ein Grundsatz tatsächlich mit einem Vorteil kollidiert, zeigt sich, welche Priorität er hat. Diese Kosten ehrlich anzusehen macht Werte konkreter als ein schöner Satz über sie.

Simon Sinek stellt in Start With Why (2009) das Warum ins Zentrum seines „Golden Circle“. Sein bekannter Gedanke lautet, aus dem Englischen übersetzt: Menschen kaufen nicht nur, was du tust, sondern warum du es tust. Sein Vortrag von 2009 wurde mehr als 60 Millionen Mal angesehen; seine eigene Website nennt inzwischen über 70 Millionen Aufrufe. Hier dient der Gedanke als Bild für eine erkennbare Richtung, nicht als wissenschaftlicher Beweis für eine Werteübung. Ein Warum wird glaubwürdiger, wenn dein Verhalten dazu passt, auch wenn eine andere Entscheidung leichter wäre.

Rechne deshalb mit wirklichen Zielkonflikten. Für Werte einzustehen kann Türen schließen und Zustimmung kosten. Das ist nicht automatisch Scheitern. Es kann bedeuten, dass deine Prioritäten in einer Entscheidung sichtbar geworden sind. Zugleich lohnt es sich, die Folgen zu prüfen, statt jeden Verlust zum Beweis moralischer Stärke zu erklären. Klarheit entsteht durch ehrliche Entscheidungen und ihren Rückblick. Dazu: Dein Vermächtnis entsteht täglich.

Sei DER EINE

DER EINE sammelt nicht nur Werte. Er steht für einige klare Grundsätze ein.

Er benennt sie, damit eine vage Liste ihn nicht vor ehrlichen Fragen schützt.

Er sagt die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Lehnt ein leichtes Geschäft ab, wenn es seinen Grundsätzen widerspricht. Hält ein Versprechen, auch wenn es inzwischen etwas kostet.

Er versucht, in Arbeit und Privatleben derselbe Mensch zu bleiben, statt für jeden Raum einen anderen Maßstab bereitzuhalten.

Er lebt seine Werte, bevor jemand dafür applaudiert. Entscheidend ist nicht nur, was er veröffentlicht, sondern was er in schwierigen Momenten tatsächlich getan hat.

Höre auf, deine Liste nur schöner zu machen. Wähle einige Grundsätze und übe, danach zu handeln. Dazu: Die Identität, die sich aufbaut.

Sei der Mensch, dessen Werte auch dann Orientierung geben, wenn es etwas kostet.

Quellen

  • Brown, B. (2018). Dare to Lead: Brave Work. Tough Conversations. Whole Hearts. Random House. Zur Auswahl zweier Werte und zu ihrer Benennung und Anwendung in verschiedenen Lebensbereichen; Zitate ins Deutsche übersetzt. Werteliste zur Übung
  • Rokeach, M. (1973). The Nature of Human Values. Free Press. Zum Rokeach Value Survey mit 18 Zielwerten und 18 instrumentellen Werten. Überblick über das Verfahren
  • Hayes, S. C., Strosahl, K. D., & Wilson, K. G. (2011). Acceptance and Commitment Therapy: The Process and Practice of Mindful Change (2. Aufl.). Guilford Press. Zu Werten als gewählten Richtungen und ihrer Unterscheidung von Zielen. Das Buch beim Verlag
  • Sinek, S. (2009). Start With Why: How Great Leaders Inspire Everyone to Take Action. Portfolio / Penguin. Zum Golden Circle und zur Bedeutung des Warum. Zum Buch

Für welche zwei Werte möchtest du tatsächlich einstehen? Schau auf deinen Wochenplan und prüfe, welchen Platz deine Vorhaben darin bekommen.