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Tägliche Praxis

Ein Kapitel am Tag

Die Vorteile des Lesens reichen über neues Wissen hinaus. Eine große Studie verbindet Bücherlesen mit längerer Lebenszeit; ruhige Lesezeit kann außerdem Abstand vom Alltagsstress schaffen. Einige Behauptungen sind allerdings besser belegt als andere. Was die Forschung tatsächlich zeigt und wie du regelmäßig zum Buch greifst.

In diesem Artikel

Die Vorteile des Lesens entstehen Kapitel für Kapitel

Die Vorteile des Lesens entstehen leise. Dreißig Minuten mit einem Buch erzeugen keine Benachrichtigung und selten eine sofortige Belohnung. Doch regelmäßiges Lesen gibt Aufmerksamkeit Raum, kann eine ruhige Pause schaffen und steht in einer großen Studie mit längerer Lebenszeit in Verbindung. Es verlangt etwas anderes von dir als endloses Scrollen.

Nach einem einzigen Abend wirst du davon wenig merken.

Genau deshalb hören viele wieder auf. Der Feed belohnt dich in Sekunden. Ein Buch entfaltet seinen Nutzen oft über Jahre. Sich bewusst für die langsamere Belohnung zu entscheiden, ist ungewöhnlich.

Wer es tut, setzt auf einen längeren Zeitraum.

Welche Vorteile hat es, jeden Tag zu lesen?

Bücher liefern Wissen, fordern längere Aufmerksamkeit und können eine ruhige Unterbrechung des Alltags sein. Eine große Studie fand außerdem einen Zusammenhang zwischen Bücherlesen und längerer Lebenszeit. Daraus folgt keine garantierte Wirkung einer einzelnen Lesestunde. Der untersuchte Zusammenhang betrifft Menschen, die über längere Zeit regelmäßig lesen, nicht einen besonders ehrgeizigen Abend.

Viele Aufzählungen der Vorteile des Lesens enden beim Wissen. Das ist der offensichtlichste Gewinn, aber nicht der einzige Grund für die Gewohnheit. Ein Buch verlangt, einen Gedanken über viele Seiten hinweg zu verfolgen. Genau diese Form der Aufmerksamkeit kommt beim schnellen Wechsel im Feed oft zu kurz. Wenn du weniger konsumieren und mehr erschaffen möchtest, liefern Bücher zugleich Stoff zum Nachdenken und Weiterarbeiten. Behandle tägliches Lesen deshalb nicht bloß wie eine Hausaufgabe. Es ist eine langfristige Entscheidung darüber, womit du deinen Verstand beschäftigst.

Das folgende Video ergänzt diesen Gedanken. Rita Carter beschreibt Lesen als geistige Übung, die über die bloße Aufnahme von Informationen hinausgeht.

Ansehen: Rita Carter darüber, warum Lesen wichtig ist – englisches Originalvideo

Leben Menschen, die Bücher lesen, tatsächlich länger?

Ein wichtiger Befund zu Lesen und Lebenserwartung stammt aus einer 2016 in Social Science & Medicine veröffentlichten Studie. Forschende begleiteten 3.635 ältere Erwachsene ungefähr zwölf Jahre lang. Bei Buchlesern war das Sterberisiko um 20 Prozent geringer als bei Nichtlesern, auch nach Berücksichtigung von Alter, Vermögen, Bildung und Gesundheit.

Diese statistische Anpassung ist wichtig. Der Zusammenhang zeigte sich bereits bei ungefähr dreißig Minuten Lesen am Tag; Bücher schnitten stärker ab als Zeitungen und Zeitschriften. Die Autoren formulierten vorsichtig, hier aus dem Englischen übersetzt: „Bücher zu lesen kann nicht nur einige interessante Ideen und Figuren eröffnen, sondern auch mehr Jahre zum Lesen schenken.“ Ein Zusammenhang beweist jedoch nicht, dass Lesen das Leben verlängert. Lesende Menschen können sich auch auf andere Weise unterscheiden, etwa in ihrer Gesundheit oder Neugier. Die Größenordnung nach Berücksichtigung mehrerer Faktoren verdient Aufmerksamkeit. Eine Garantie für deine Lebenszeit ergibt sich daraus nicht.

Die alltagstauglichere Rechnung ist einfacher: Zehn Seiten am Tag ergeben ungefähr 300 Seiten im Monat. Das entspricht etwa einem durchschnittlichen Buch. Über ein Jahr kann so jemand, der vermeintlich keine Zeit zum Lesen hat, rund zwölf Bücher beenden, ohne dafür ein Lesewochenende freischaufeln zu müssen.

Ein Kapitel pro Abend ergibt nach und nach ein Regal gelesener Bücher

Kann Lesen Stress verringern?

Es kann eine beruhigende Pause sein, doch bei der berühmten Prozentzahl ist Skepsis angebracht. Wahrscheinlich kennst du die Behauptung, sechs Minuten Lesen reduzierten Stress um bis zu 68 Prozent. Die Grundlage aus dem Jahr 2009 wurde weder vollständig veröffentlicht noch unabhängig begutachtet. Außerdem entstand sie im Auftrag eines Unternehmens mit Verkaufsinteresse.

Behandle die 68 Prozent deshalb nicht wie einen gesicherten klinischen Befund. Die vorsichtigere Aussage ist weniger spektakulär und trotzdem brauchbar: Ein Buch bietet eine wiederholbare Gelegenheit, die Aufmerksamkeit länger bei einer Sache zu halten und aus dem Wechsel zwischen Meldungen und Sorgen auszusteigen. Diese ständige Unterbrechung ist auch Thema von den Kosten der Ablenkung und dem Einfluss deines Handys auf deinen Alltag. Lesen ist keine klinische Behandlung. Es kann dir aber einen Platz schaffen, an dem nicht sofort die nächste Benachrichtigung entscheidet, womit du dich beschäftigst.

Macht das Lesen von Romanen empathischer?

Vielleicht, aber die Forschung ist weniger eindeutig als manche Schlagzeile. Eine 2013 in Science veröffentlichte Studie berichtete, dass literarische Texte die Ergebnisse in einem Test zum Erkennen fremder Gefühle verbesserten. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Wer sich beim Lesen mit anderen Innenwelten beschäftigt, könnte auch außerhalb des Buchs leichter Perspektiven wechseln.

Mehrere spätere Studien, deren Methoden vorab registriert waren, konnten den Effekt allerdings nicht wiederholen. Das Ergebnis ist deshalb ein Hinweis, keine abschließend geklärte Tatsache. Belletristik könnte Empathie unterstützen; der konkrete Befund könnte sich aber auch nicht bestätigen. Für deine Lesegewohnheit brauchst du dieses Versprechen nicht. Unterschiedliche Bücher verlangen ohnehin, dich mit Ansichten zu beschäftigen, die nicht deine eigenen sind. Du kannst versuchen, einen Gedanken zu verstehen, ohne ihn zu übernehmen. Diese Haltung ist auch hilfreich, wenn du selbstständig denken möchtest. Sie zählt zu den Gründen, breit zu lesen, auch wenn die Empathiewirkung offenbleibt.

Verschiedene Bücher laden dazu ein, andere Gedanken zu verstehen, ohne sie sofort zu übernehmen

Wie kannst du eine dauerhafte Lesegewohnheit aufbauen?

Beginne kleiner, als es sich nach einem großen Vorhaben anfühlt. Zehn Seiten zur gleichen Zeit auf demselben Stuhl sind oft tragfähiger als ein Plan, den du am Freitag aufgibst. Verbinde das Lesen mit Kaffee, dem Arbeitsweg oder der Zeit vor dem Schlafen. Entscheidend ist nicht diese Woche, sondern ob die Gewohnheit nächstes Jahr noch besteht.

Lege ein Buch in Reichweite und das Handy möglichst in einen anderen Raum. Jeden Tag zu lesen wird leichter, wenn die schnellere Ablenkung nicht direkt danebenliegt. Fortschritt braucht Zeit, wie bei anderen Fähigkeiten, in denen du wirklich gut werden möchtest. Ein einfacher Gewohnheitstracker kann dir die Wiederholungen zeigen, statt dich auf dein Gefühl verlassen zu lassen. Ein Kapitel pro Abend kann ungefähr ein Buch im Monat ergeben. Die genaue Zahl hängt von Kapitel- und Buchlänge ab; wichtiger ist, dass du wieder zum Buch greifst.

FormatBesonders passend fürWorauf du achten solltest
Gedrucktes BuchLängere Aufmerksamkeit, Lesen am Abend, Abstand zum HandyWeniger leicht mitzunehmen
E-ReaderReisen, wenig Platz, anpassbare SchriftMöglichst nur zum Lesen verwenden
HörbuchSpaziergänge, Haushalt, ArbeitswegBei anspruchsvollen Nebentätigkeiten schweift die Aufmerksamkeit leicht ab
Lesen am HandyAusweichmöglichkeit unterwegsBenachrichtigungen können aus der Lesezeit wieder einen Feed machen

Wähle das Format, das dich am wenigsten ablenkt und sich in deinem Alltag wiederholen lässt. Für viele ist es ein Papierbuch auf dem Nachttisch, während das Handy anderswo lädt.

Häufig gestellte Fragen

Zählt ein Hörbuch auch als Lesen?

Ja, wenn es dir darum geht, Bücher und Ideen kennenzulernen. Wenn du gezielt längere Aufmerksamkeit beim Lesen üben möchtest, plane zusätzlich etwas Zeit mit gedrucktem Buch oder E-Reader ein.

Sind Romane oder Sachbücher besser?

Beides hat Platz. Sachbücher vermitteln Fakten und Denkmodelle. Romane beschäftigen Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und Perspektivwechsel. Eine tragfähige Lesegewohnheit muss sich nicht auf eine Seite festlegen.

Wie viele Minuten solltest du täglich lesen?

Beginne mit zehn Seiten oder fünfzehn Minuten. Wenn sich die Gewohnheit eingespielt hat, sind dreißig Minuten ein mögliches Ziel.

Sei DER EINE

DER EINE greift zum Buch, auch wenn ringsum gescrollt wird.

Er erwartet nicht, alle Vorteile des Lesens nach einem Tag zu spüren. Er sammelt Kapitel über Jahre, auch in Stunden, in denen niemand zuschaut.

Ein Buch muss nicht laut um deine Aufmerksamkeit werben. Es darf langsam sein. Du kannst ihm Zeit geben, ohne sofort die nächste Anregung zu brauchen.

Tausche dreißig Minuten im Feed gegen dreißig Minuten mit einem Buch. Versuche es morgen wieder und am Tag danach. Nach einem Jahr kannst du sehen, was regelmäßiges Lesen in deinem Alltag verändert hat.

Sei der Mensch, der das Kapitel zu Ende liest. Mehr zu täglichen Abläufen.

Quellen

  • Bavishi, A., Slade, M. D., & Levy, B. R. (2016). „A chapter a day: Association of book reading with longevity.“ Social Science & Medicine, 164, 44–48. Volltext der Studie
  • Lewis, D. / Mindlab (2009). Häufig verbreitete Behauptung, sechs Minuten Lesen senkten Stress um bis zu 68 Prozent. Nicht vollständig veröffentlicht, nicht fachlich begutachtet und kommerziell beauftragt. Beispiel für die Verbreitung der Behauptung
  • Kidd, D. C., & Castano, E. (2013). „Reading Literary Fiction Improves Theory of Mind.“ Science, 342(6156), 377–380. Mehrere später vorab registrierte Wiederholungen konnten das Ergebnis nicht bestätigen. Originalstudie

Möchtest du es ausprobieren? Halte deine Lesetage fest und beobachte, was regelmäßige Zeit mit einem Buch möglich macht.